Mittwoch, 18. November 2015

Boelongan-Zusatz: Wie geht Gamelan und wie kommt man dazu?

Seit ich 1999 mit dem Gamelanspielen begann, werde ich wieder und und wieder gefragt, wie man dazu käme. Der Hinweis auf ein Jazzstück „Gammel up“ mit meiner vorigen Band reichte als Erklärung noch nicht aus, wie so oft liegt die Antwort in der frühen Kindheit.
Ich lernte meine „Tante Cläre“ 1957 kennen, als sie mit ihrem Mann, Dr. Moritz Kurt Wohl aus Bandung nach Wermelskirchen zurückkam und Kontakt zu ihrer weit verstreuten Verwandtschaft suchte. So verbrachte ich in den nächsten Jahren etliche Wochenenden in der Dürholtschen Villa voller javanischer Wandbehänge, chinesischer Möbel, holländischer Bücher und balinesischen Schnitzereien. Gamelan konnte ich nicht hören, denn sie hatten keinen Plattenspieler und auch keine Instrumente. Und doch muss ein kleiner Same einer kolonialen Sehnsucht in meinen Leib gepflanzt worden sein, der Jahrzehnte später zu keimen begann. Dafür gab es eine Fernsehtruhe mit einer transparenten Folie davor, die auf alle Bilder einen schmalen blauen Himmel, ein bißchen grüne Wiese und dazwischen ein zartes, erdiges Braun zauberte. Geguckt wurde jedoch so gut wie nie.
Sehr, sehr viel später hörte ich, dass sie im KZ Ravensbrück war, er in holländischer Gefangenschaft, doch darüber reden wollten sie eigentlich nie und die Erinnerung daran war eher schmerzhaft. Mehr erfuhr ich erst vor wenigen Jahren durch Armin Himmelrath, einem Journalisten aus Wermelskirchen, der im Rahmen des Bergischen Geschichtsvereins selbst Recherchen und Publikationen vorangetrieben und dafür gesorgt hat, dass Kurt Wohl einen von Demniks Stolpersteinen erhielt. Er machte mich auf die Existenz einer Gestapoakte im rheinischen Landesarchiv aufmerksam, die mich sehr neugierig machte. Die etwa 30 Briefe von den Wohls aus Java tat ich sehr schnell als zu privat, auch nicht besonders aussagekräftig zur Seite, aber die Verhörprotokolle meiner Tante und ihrer Mutter, die Zeugenaussage des Sulpiz Traine, einem Studiengenossen Wohls aus frühen Verbindungstagen und die Denunziantenbriefe der schlesischen Bäuerin drängten sich mir als mögliche Liedtexte auf. Verstörend waren auch in ihrer boshaften und gnadenlosen Vollständigkeit die minutiösen Auflistungen des Hausrats und der darin erkennbare Wille, jüdischen Mitbürgern nicht einen Hosenknopf zu lassen.
Sobald die Nazis an der Macht waren, hatten sie Kurt Wohl die Praxis geschlossen, sein Vermögen und die Rentenansprüche konfisziert und ihm netterweise bloß die Ausbürgerung vorgeschlagen. Er hatte meiner Tante 5000 Mark in bar übergeben, die über Holland nach Java sollten. Sie hatte schon alle Behördengänge hinter sich, einen Job in Aussicht, war mit ihrer Mutter beim Zoll, wo diese auch noch in die Pakete Geld steckte und wollte 1940 ihrem Kurt hinterher nach Java, als sie in Liegnitz von entfernten Verwandten denunziert und deshalb verhört wurde. Die Anklagepunkte Rassenschande und Devisenverschiebung brachten sie geradewegs für drei Jahre ins KZ Ravensbrück. Allerdings – wäre sie in Java angekommen, wäre sie ein paar Wochen später als Deutsche in einem holländischen Frauenlager interniert worden. Es ist zynisch, dass in seinem Reisepass unter der Rubrik Beruf ein „OHNE“ steht, er aber als Repräsentant Deutschlands mit seinem Sohn Werner für zwei Jahre ins Gefangenenlager Kotatjane gehen darf. Sie landen im sogenannten Verräterblock C, in den alle kommen, die nicht zu den etwa 2000 regimetreuen Deutschen gehören, also Juden, Schwule, Bibelforscher und Politische, alles Leute, die wohl in Deutschland auch im KZ geendet wären. Darunter war neben dem bekannten Bremer Kaufmann Hans Overbeck auch Walter Spies, 1895 in Moskau in einer weitverzweigten Industriellenfamilie geboren, Vertreter eines eigenwilligen magischen Realismus, musikalisch und sprachlich hochbegabt, den es in den 20ern nach Java verschlug, wo er vier Jahre lang am Sultanspalast von Yogya für Hamengku Buwono, den Siebten eine westliche Blaskapelle leitete, bevor er 1927 in Bali sein privates Paradies fand, dessen stilistische Rahmenbedingungen er auf Jahrzehnte mitprägte. Das Archiv der Walter Spies Gesellschaft befindet sich seit 2011 im Rautenstrauch Joest Museum, genauso lange, wie ich dort Gamelankurse gebe. Mir wurde während meiner Recherchen bald klar, dass Walter Spies nicht nur auf demselben Schiff, der „Van Imhoff“ unterging wie der Sohn Werner meines Großonkels, sondern dass es weitere vertikale Verbindungen zu ihm gibt.
Ein weiterer Vertreter des „Magischen Realismus“ war der erste Maler, den ich überhaupt mit zwölf Jahren kennenlernte, nämlich Anton Räderscheidt, ganze vier Jahre älter als Walter Spies. Mit seinem Sohn drückte ich jahrelang dieselbe Schulbank und verbrachte viele Samstage bei fremdem französischen Essen und noch fremderen Flüchen seiner Frau Giselle in seinem Haus in der Landsbergstrasse.
Mein erstes Wochenende 1999 im Gamelanhuis von Amsterdam bei Elsje Plantema verbrachte ich nachts zwischen den Instrumenten von Jaap Kunst, der mir damals nicht viel sagte. Ich mochte aber den schlichten, eleganten Stil, in dem er sich seine Instrumente hat bauen lassen. Im Walter Spies Archiv fand ich einen großen Ordner mit jahrelanger Korrespondenz der beiden, der mit Sicherheit noch nicht wissenschaftlich bearbeitet ist.
Bei einem Konzert auf der Hundertjahrfeier des RJM in 2001 lernte ich Made Hood kennen, der für vier Jahre in Köln blieb, um bei Rüdiger Schumacher, mit dessen Gruppe von Musikethnologen wir damals spielten, seine Doktorarbeit zu schreiben. Von ihm lernten wir viele balinesische Stücke. Er  übernahm dann die Leitung der Gruppe Bali Puspa um Nyoman Mindhoff. Sein Vater Kyai Mantle Hood war der bedeutendste Schüler von Jaap Kunst, der 1954 das erste komplette Gamelanorchester in die USA brachte. Er sorgte für einen regen Austausch von Musikern und Wissenschaftlern zwischen USA und Indonesien, wobei Pak Bandem, inzwischen Kultusminister, eine herausragende Rolle zuwuchs. Dessen Schwester Ni Nyoman Candri, eine berühmte Sängerin und Tänzerin, ist mittlerweile Made Hoods Schwiegermutter. Während einer ihrer zahlreichen Lehraufenthalte in Kopenhagen und Paris überließ sie mir 2002 den Text für mein Stück Saling asuh.
Von  Walter Spies sind mir keine Tonaufnahmen bekannt, aber das, was er zuerst gespielt hat, hören wir in den Klavierduetten von Colin McPhee und Benjamin Britten. Wir wissen, dass McPhee diese Transpositionen wohl von Spies gelernt hat und aus einer Liste mit Musiktiteln im Archiv geht hervor, dass beide das traditionelle Gender wayang Repertoire vorgefunden und studiert haben müssen, so wie es unser Mitspieler und Lehrer Andreas Herdy so gut wie vollständig im Kopf hat. Für mich steht fest, dass erst das jahrelange Einüben der komplexen und virtuosen Gender wayang Musik einen Liederzyklus wie Boelongan möglich machte. Der glückliche Zufall, dass wir zwei einzelne, versprengte balinesische Pemades in die vorhandene javanische Pelogstimmung bringen konnten, erlaubte uns einen sehr großen Bogen zu schlagen von balinesischen Umspiegelungen in Kebjar- und Gender wayang Technik über javanische Liedstruktur, über Kontrabass und Bläsersätze bis hin zu deutschen und englischen Texten.

Es gibt kein Entrinnen – beim Gamelan landest du immer auf deinem Hintern, beim genauen Hinhören und Mitspielen und es wird IMMER persönlich – und dafür liebe ich es!

Köln, November 2015

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